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Autonom vom Flughafen in die City

Das deutsche Start-up Volocopter will Flugtaxis in die Städte bringen. Was vor Jahren noch utopisch klang, nimmt dank erfolgreicher Testflüge und vielfacher Kooperationen immer konkretere Formen an. Mitgründer Alex Zosel über Leistbarkeit und Sicherheitsbedenken.

 

Herr Zosel, wie wahrscheinlich ist es, dass wir in Deutschland bald mit einem Ihrer Volocopter vom Flughafen in die City fliegen?
Das ist sehr wahrscheinlich. Seit Anfang des Jahres haben wir eine Kooperation mit Fraport, dem Betreiber des Frankfurter Flughafens. Da erschaffen wir einen Blueprint für die Integration von Lufttaxis in Flughäfen. Vor allem die Bereiche Bodeninfrastruktur, Bodenabfertigung sowie Terminal- und Passagierservices für Flugtaxigäste schauen wir uns genau an. Ziel ist es natürlich, diesen Service baldmöglichst auch am Fraport anzubieten.

Der Volocopter erinnert äußerlich an einen Helikopter, aber es gibt Unterschiede. Der größte ist wohl, dass er nicht von einem großen Rotor, sondern von 18 kleinen Rotoren angetrieben wird. Ich nehme an, aus Gründen der Sicherheit?
Genau. Das Sicherheitskonzept des Volocopters basiert auf Redundanz. Jedes flugkritische Element ist mehrfach verbaut. Das heißt, dass wir mehrere Batterien, Flugsteuerungen, Rotoren und Kommunikationsknoten verlieren können und der Volocopter immer noch sicher landen kann. Die 18 Rotoren sind nur das sichtbarste Element davon. Zusätzlich haben wir einen Rettungsschirm an Bord, der aus der Mitte der Rotorebene herausgeschossen werden kann.

Wie sicher ist der Flug mit einem Volocopter derzeit?
Der Volocopter wird mindestens so sicher sein wie ein kommerzieller Airliner. Das ist die Vorgabe von der EASA. Und genau diesen Standard erproben wir in unseren Flugtestprogrammen.

Die Sicherheitsbedenken gegenüber dem autonomen Fliegen sind in Deutschland groß. Warum, denken Sie, sind die Deutschen, die ja eigentlich als progressiv und technikaffin gelten, so konservativ, wenn es darum geht, Kontrolle an eine Maschine abzugeben?
Diese Frage habe ich mir schon oft gestellt. Zumal wir uns ja ohne Bedenken in Linienflugzeuge setzen, die auch 90 Prozent der Strecke autonom fliegen. 

Der Jungfernflug eines Volocopters in Dubai liegt zirka eineinhalb Jahre zurück. Was hat sich seither getan?
Seither hat sich einiges getan. Unser Flugerprobungsprogramm ist in vollem Gange hier in Deutschland. Die Europäische Agentur für Flugsicherheit (EASA) hat die Zertifizierungsgrundlage für Flugtaxis geschaffen. Das heißt, seit Oktober 2018 stehen die Sicherheitsparameter und damit die Kriterien fest, die man erfüllen muss, um kommerziell in der Innenstadt mit einem Flugtaxi zu fliegen. Man muss mindestens so sicher sein wie ein Airliner. Um diese Zertifizierung bemühen wir uns. Außerdem haben wir Testflüge in Singapur schon in der zweiten Jahreshälfte 2019 angekündigt. Gemeinsam mit der Civil Aviation Authority of Singapore und dem Ministry of Transport vor Ort prüfen wir die Integration von Volocopter- Flugtaxis in Singapur.

In zehn Jahren, haben Sie 2017 gesagt, werde Ihr Unternehmen 10.000 bis 20.000 Drohnen pro Jahr bauen, und das Unternehmen selbst werde milliardenschwer sein. Sind Sie immer noch so optimistisch? Und wenn ja, warum?
Ja, das bin ich. Nicht umsonst haben wir uns einen Partner wie Daimler an Bord geholt. Mit deren Expertise, wie man Serienproduktionen effizient umsetzt, wird das durchaus möglich sein.

In den Vereinigten Arabischen Emiraten sollen bis 2030 bereits 25 Prozent des Personenverkehrs autonom abgewickelt werden. Für wie realistisch halten Sie die Prognose?
Schon jetzt fahren dort die Metros autonom, und auch einige Busse. 2017 haben wir eine umfassende Einführung in die Unternehmungen der Road and Transport Authority of Dubai erhalten. Die digitale Infrastruktur dafür existiert, und der Wille ist auch da. Ob auch Flugtaxis standardmäßig zu dem Mobilitätsmix dazugehören, werden wir noch in diesem Jahr erfahren.

In welche Richtung wird es gehen? Wird die Flugdrohne als öffentliches Verkehrsmittel Furore machen, oder wird sie privates Verkehrsmittel für die Superreichen?
Der Volocopter ist kein Spielzeug für die Reichen und Schönen. Unser Volocopter-Flugtaxiservice wird zwar anfangs noch etwas teurer sein, solange es nur wenige Strecken gibt und unsere Stückzahlen geringer sind. Selbst dann aber werden die Strecken günstiger sein als Helikopterservices. Sobald das Angebot größer wird, greifen Skalierungseffekte und wir werden den Service etwa zum Preis eines Taxiservices anbieten können. Der Volocopter-Flug wird zwar nie so günstig sein wie ein Busticket, aber jeder, der sich heutzutage ein Taxi leisten kann, wird sich auch einen Volocopter-Flug leisten können.

Autonome Fahrsysteme drängen in die europäischen Märkte. In den Städten wird es aufgrund der Komplexität des Straßenverkehrs wohl noch dauern, bis die ersten autonomen Autos fahren. Ist der städtische Flugverkehr leichter zu bewältigen?
Ja. Eines darf man nicht vergessen: Autonome Autos und Flugtaxis machen den Verkehr sicherer. Insbesondere in der Luft, wo der Chaosfaktor Mensch nicht vor Autos oder über rote Ampeln laufen kann, sind die Herausforderungen etwas einfacher zu meistern. Statistiken belegen, dass der Großteil aller Unfälle auf menschliches Versagen zurückzuführen ist.

In Deutschland hat sich sogar eine eigene Ethikkommission damit beschäftigt, welche Art von Entscheidungen eine Maschine im Ernstfall treffen darf und welche nicht. Halten Sie es für möglich, dass ein Volocopter in ein solches Dilemma, wo er Menschenleben gegeneinander abwägen muss, gerät? Und wenn ja, wie soll die Maschine entscheiden?
Der Volocopter fliegt im unteren Luftraum in der Innenstadt. Die Verkehrsteilnehmer sind alle miteinander verknüpft und kommunizieren miteinander. Fluggeräte können im Ernstfall in alle drei Dimensionen ausweichen. Zudem wird es in unserer Rechnung keine unaufmerksamen Fußgänger geben. Volocopter-Flugtaxis werden innerhalb der vorgegebenen Programmierung agieren, was Risiken weiterhin minimiert.

Wie beurteilen Sie die regulatorischen Hürden, die dem realen Flugbetrieb derzeit noch entgegenstehen? Wie schwer oder leicht wird es sein, diese zu überwinden?
Der Wille der Behörden, Flugtaxis zuzulassen, ist weltweit vorhanden. Anfang April dieses Jahres waren die Chefs der amerikanischen, europäischen und singapurischen Luftfahrtbehörden geschlossen an unserem Stand auf der Messe Rotorcraft Asia. Auch Städte auf der ganzen Welt kontaktieren uns hinsichtlich des Vorhabens, Flugtaxis zu integrieren – öffentlich bekannt sind die Kooperationen mit Dubai und Singapur, doch tatsächlich sprechen wir mit einigen mehr. Es gibt zwar noch Hürden zu meistern, wie etwa die Zulassung und die Integration mit Air-Traffic-Management- Systemen im unteren Luftraum. Dies ist aber nur eine Frage der Zeit, es geht also nicht darum, ob es grundsätzlich möglich ist.

Wer soll den Volocopter nutzen? Welche Zielgruppen gibt es, und welche davon ist Ihnen am wichtigsten?
Es gibt drei Anwendungsszenarien. Pendler in der Innenstadt, Geschäftsreisende auf der Strecke vom Flughafen in die Innenstadt und Touristen auf derselben Strecke oder für Rundflüge. Mir sind die Pendler am wichtigsten. Es wird ein tolles Erlebnis sein, die eigene Stadt jeden Tag aufs Neue von oben zu sehen und die Zeit nicht im Stau verbringen zu müssen.

In China wird künstliche Intelligenz auch deshalb gefördert, weil sich autonomer, KI-unterstützter Verkehr sehr gut kontrollieren lässt. Wie beurteilen Sie die Gefahr, dass wir durch autonomen Verkehr „gläsern“ und daher manipulierbar werden?
Es ist erstaunlich, wie viele Informationen über Menschen bereits einsehbar sind – selbst, wenn sie nicht auf Social Media unterwegs sind. KI ist eine neue Technologie, und wir Menschen müssen noch lernen damit umzugehen, aber so entwickeln wir uns weiter. Ähnlich viel Angst hatte man vor 110 Jahren vor Autos und vor zehn Jahren vor Smartphones. Durchgesetzt haben sie sich trotzdem


Über den Luftfahrtpionier:
Alex Zosel (54) war immer schon ein Tüftler: Als Student des Bauingenieurwesens entwickelte er ein Computerprogramm, das Materialprüfungen grafisch darstellte. Als DJ und Disco-Besitzer erfand er eine später patentierte Nebelverteilungsmaschine und einen neuartigen MP3-Player mit Touchscreen. Sein Ziel ist es, den Volocopter als Teil des öffentlichen Nahverkehrs zu etablieren.

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